zeit online: Verdammter Dünger

Zeit Online | von Fritz Vorholz | 18. September 2014 - 04:36 Uhr

 

Wie Stickstoff aus der Gülle in den Alpen landet – und in Todeszonen im Meer.

Stickstoffverbindungen stecken nicht nur in der Gülle. Sie bedrohen auf vielfältige Weise die menschliche Gesundheit, heizen den Treibhauseffekt an und sind eine der wichtigsten Ursachen für den Artenschwund. Zwar ist die Landwirtschaft mit fast zwei Dritteln die Hauptquelle der Belastung, erhebliche Stickstoffmengen kommen aber auch aus Industrie- und Kraftwerksschornsteinen sowie aus den Auspuffrohren von Autos.

Stickstoffdioxid (NO#) entsteht bei Verbrennungsprozessen. Da die Substanz die Atemwege reizt, stellt sie vor allem für Asthmatiker und Allergiker ein Gesundheitsrisiko dar. Katalysator- und Filtertechnik haben die umherfliegenden Mengen seit 1990 zwar deutlich reduziert; seit dem Jahr 2000 ist laut Umweltbundesamt (UBA) allerdings kein Rückgang mehr festzustellen. Mit neueren Katalysatoren seien teilweise sogar höhere Stickstoffdioxid-Emissionen festzustellen, heißt es im aktuellen UBA-Jahresbericht. Immer noch sind deshalb knapp 30 Millionen Bürger hohen Schadstoffbelastungen ausgesetzt. Die NO#-Konzentration übersteige an rund zwei Drittel aller verkehrsnahen Messstationen den Grenzwert der EU, laut UBA "zum Teil deutlich".

Unter Einwirkung von Sonnenlicht kann aus Stickstoffoxid Ozon gebildet werden. Erhöhte Ozonwerte kommen vor allem am Stadtrand und auf dem Land vor. Sie können entzündliche Reaktionen in den Atemwegen auslösen.

Mikrobiologische Prozesse im Boden sorgen derweil dafür, dass erhebliche Anteile des von Landwirten ausgebrachten Düngers als Nitrat und Ammonium in Gewässern landen; in Flüssen und im Meer wird dadurch das Algenwachstum gefördert. Die Pflanzenreste werden von Bakterien zersetzt, die dabei Sauerstoff verbrauchen. Sauerstoffmangel kann am Ende sogenannte Todeszonen im Meer entstehen lassen. Weltweit gibt es einige Hundert davon. Teile der Ostsee gehören dazu. Als Ammoniak und Lachgas gerät Stickstoff auch in die Luft. Lachgas ist ein Treibhausgas, das deutlich klimawirksamer ist als Kohlendioxid. Auf diese Weise trägt Stickstoff zur Erderwärmung bei. Ammoniak wird vom Wind verfrachtet und vor allem mit Niederschlägen anderswo wieder am Boden deponiert – auch an Standorten, die weit weg von den gedüngten Äckern liegen: in Wäldern, in Naturschutzgebieten, womöglich sogar in den Hochalpen, das wird gerade genau erforscht. Die naturnahen Ökosysteme werden auf diese Weise gedüngt. Die bisher dort wachsenden, an stickstoffarme Böden angepassten Pflanzen, fast die Hälfte aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen, geraten unter Konkurrenzdruck – und auf die Rote Liste. 

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Quellennachweis am 8.10.2014: http://www.zeit.de/2014/37/guelle-stickstoff-alpen-todeszone-meer