DISSERTATION: SYMPTOME UND ZEICHEN EINER CHRONISCHEN KUPFERVERGIFTUNG

"Kupfer wird, wenn es im Überschuss in den Körper gelangt, zu einer hoch toxischen Substanz, die als Element oder Salz akute und chronische Vergiftungen auslösen kann. Eine der ältesten Warnungen vor gesundheitlichen Schäden durch Kupfer stammt aus dem 18. Jahrhundert von dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau (84). Er war dem Kupfer während seiner Lehrzeit als Kupferstecher begegnet.

Kupfervergiftungen können als akute und als chronische Vergiftungen auftreten.

Die akute Kupfervergiftung ist der Menschheit offensichtlich seit langem bekannt. Früheren Generationen war es geläufig, dass nach Zubereiten und Aufbewahren von Nahrungsmitteln in Kupfergefäßen eine akute Erkrankung auftreten kann. Unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme treten Magenschmerzen, Erbrechen und Darmkoliken und nach etwas längerem zeitlichen Abstand Durchfall auf. Durch Verzinnen des Kupfergeschirrs haben die Menschen sich vor dieser Vergiftung zu schützen gewusst.

Das Vorkommen chronischer Kupfervergiftungen (CKV) beim Menschen wurde und wird auch heute noch von zahlreichen Untersuchern bestritten. Der Hauptgrund dafür ist der, dass eine lang dauernde Aufnahme von Kupfer in Mengen, welche die gastrointestinalen Symptome der akuten Vergiftung (s. o.) nicht auslösen, über Monate bis Jahre unbemerkt vonstatten gehen kann und so die Vergiftung unerkannt bleibt. Treten dann schließlich Krankheitszeichen auf, bleibt deren Zusammenhang mit der Vergiftung verborgen. Darüber hinaus war früheren Generationen von Ärzten die endogene Kupfervergiftung, der Morbus Wilson, nicht bekannt und ihnen somit auch nicht geläufig, dass die chronische Kupfervergiftung zumeist eine Hepatopathie auslöst. Offensichtlich hat man geglaubt, dass - in Analogie zur Blei- oder Quecksilbervergiftung – die chronische Kupfervergiftung auch vorwiegend neurologische Krankheitssymptome auslösen müsse und hat, da solche nicht auftraten, geschlossen, Kupfer könne beim Menschen keine systemische, chronische Vergiftungskrankheit auslösen. Diese Meinung wurde selbst dann noch vertreten, als man bei verstorbenen Arbeitern in Kupferhütten (Schmelzer, Schleifer u. a.) Grünfärbungen der Haut und Schleimhäute, aber (bei Autopsien) auch nahezu aller inneren Organe fand und in diesen Kupfer in hoher Konzentrationen nachweisen konnte. Als Krankheits- und Todesursache nahm man stattdessen andere, nicht identifizierte Metalle an.

Erst die Beobachtung, dass eine chronische Kupfervergiftung bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern auftritt, wenn diese mit einer in nicht oder schlecht verzinnten Kupfer- oder Bronzegefäßen erwärmten Milch ernährt werden, veranlasste einige Untersucher, Kupfer als ursächliches Agens für eine chronische Vergiftung beim Menschen in Betracht zu ziehen. Nahezu gleichzeitig ließ sich dann durch das Auftreten einer identischen Erkrankung in den Industrieländern, in diesen ausgelöst nicht durch eine Kontamination der Nahrung in Kupfergefäßen, sondern durch eine Kontamination des Trinkwassers aus

kupfernen Wasserleitungen (Kupferrohren), das Vorkommen der chronischen Kupfervergiftung beim Menschen endgültig beweisen.

Nachdem 1986 die chronische Kupfervergiftung der Säuglinge auch in Deutschland entdeckt worden war, konnte durch die genauere Analyse von Befunden und anamnestischen Angaben bei bereits zuvor unter nicht geklärten Umständen erkrankten und verstorbenen Kindern nachgewiesen werden, dass die chronische Kupferbelastung der Säuglingsnahrung in Deutschland bereits seit 1978 zu tödlichen chronischen Vergiftungen führt.

Die kausale Zuordnung einer Erkrankung zur Kupfervergiftung erwies sich als schwierig, weil einerseits der Nachweis einer Kupferbelastung allein, andererseits laborchemische Befunde und klinische Untersuchungsbefunde wegen ihrer nicht vorhandenen Spezifität für die Diagnose chronische Kupfervergiftung nicht ausreichen. Darüber hinaus wurde die Kupferkonzentration im Serum der vergifteten Kinder immer als vermeintlich normal angesehen. Als beweisend für die chronische Kupfervergiftung galten deshalb nur die typischen histopathologischen Leberbefunde, die sich jedoch nur bioptisch oder autoptisch gewinnen ließen. Aus Sicht der Kliniker, die eine Diagnose möglichst allein aufgrund laborchemischer Befunde und klinischer Untersuchungsbefunde anstreben, ist dieser Zustand unbefriedigend.

In dieser Arbeit soll deshalb versucht werden, anhand der anamnestischen Angaben zum Krankheitsverlauf, insbesondere aber auch der häuslichen Lebens-, Umgebungs- und Ernährungsbedingungen, der klinischen Untersuchungsbefunde und der Ergebnisse von Laboruntersuchungen bei Kindern, die eine chronische Kupfervergiftung erlitten und in der Mehrzahl an dieser verstorben sind, nach häufig vorkommenden Befunden zu suchen und so ein Spektrum vergiftungstypischer Befunde zu definieren um die Diagnose CKV möglichst frühzeitig und verlässlich und ohne Biopsie stellen zu können.

Im folgenden Kapitel 2 werden frühere Beobachtungen von Patienten zusammengestellt, die in der Vergangenheit eine chronische Kupfervergiftung (CKV) erlitten haben und deren Erkrankung als Vergiftungsfolge erkannt worden ist. Einerseits werden Fälle von Erwachsenen präsentiert, andererseits Fälle der häufigen CKV bei Kindern aus Indien, Tirol und Einzelfällen aus anderen verschiedenen Ländern." schreibt Jochen Kittel in der Einleitung seiner Dissertation.

 

Die komplette Dissertation von Jochen Kittel können Sie hier nachlesen.