EIN FLUSS WOLLTE ZUM MEER

Ein Fluss wollte durch die Wüste zum Meer. Aber als er den unermesslichen Sand sah, wurde ihm angst und er klagte: "Die Wüste wird mich austrocknen. Und der heiße Atem der Sonne wird mich vernichten. Oder ich werde zum stinkenden Sumpf."

Da hörte er eine Stimme, die sagte: "Vertraue dich der Wüste an."

Aber der Fluss befürchtete: "Bin ich dann noch ich selbst? Verliere ich dann nicht meine Identität?"

"Auf keinen Fall kannst du bleiben, was du bist."

So vertraute sich der Fluss der Wüste an. Wolken sogen ihn auf und trugen ihn über die heißen Flächen. Als Regen wurde er am anderen Ende der Wüste wieder abgesetzt. Aus dem Regen entstand zuerst ein Bach, dann ein Fluss, schöner und frischer als zuvor.

Und voller Freude rief der Fluss. "Jetzt bin ich wirklich ich."

(Willi Hofsümmer)